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Staub & Finsternis
Das Leben auf Ghen wird vom Staub und der Finsternis bestimmt. Tagtäglich verdunkelt der Staub die Sonne und macht das Dasein zu einer beschwerlichen Last. Doch wenn die Sonne untergeht und der schwarze Mond Dhârgass aufsteigt, verdichtet sich der Staub zur Finsternis, die die Welt überzieht. Mit ihr kommt Nacht für Nacht das Böse.
Der Staub
„Er ist überall. Er ist in deinen Lungen, wenn du einatmest. Auf deiner Haut, wenn du die Hand ausstreckst. Und in deinen Augen, wenn Sor untergeht und Dhârgass die Welt schwarz werden lässt. Die Priester sagen, er ist Sors Prüfung. Die alten Weiber sagen, er ist ein Fluch. Vielleicht haben beide Recht.“ (Fragment eines verbotenen Manuskripts, Verfasser unbekannt)
Der Staub ist allgegenwärtig, jeder kennt ihn. Er ist ein fester Bestandteil der Welt und immer da, so selbstverständlich wie grauer Himmel und nasse Straßen nach dem Regen. Er gehört zum Wetter, und somit kein kein besonderes Ereignis, über das man spricht. Tagsüber erscheint der Staub als kaum sichtbare Schwebung, ein leichter Schleier, der das Sonnenlicht bricht und den Himmel in ein schmutzig-gelbgraues Zwielicht taucht. Die Sonne selbst ist nur ein verwaschener, blasser Fleck dahinter, ewig gedämpft. Oft liegt er morgens auf den Fensterbrettern, setzt sich auf Stoffe, tränkt die Luft an manchen Tagen mit einem schwachen, metallischen Nachgeschmack. Je nach Wind und vorherigem Regen liegt er mal dichter, mal dünner in der Luft. Mancherorts hängt der Staub tiefer und verhüllt wie ein ewiger Nebel ganze Landstriche, manchmal so dicht, dass er sogar Geräusche zu verschlucken scheint.
Die Nacht
Mit dem Untergang der Sonne ändert sich alles. Wenn Dhargass, der dunkle Mond, über den Horizont steigt, verdichtet sich der Staub. Er wird schwerer, dunkler, beinahe greifbar. Der Himmel färbt sich nicht dunkel, er wird pechschwarz. Und mit diesem Schwarz kommt die Kälte und das Schweigen, die Finsternis.
Mit dem Klang der Abendglocke sucht deswegen ein jeder seine schützenden vier Wände auf, verriegelte die Tür, schließt die Fenster und betet zu Sor, bevor er zu Bett geht. Nur Geisteskranke, Verurteilte und Verzweifelte sind nachts schutzlos draußen. Denn was nachts draußen ist, wird verändert. Die Finsternis ergreift Besitz von jedem Lebewesen. Sie bedeutet den sichere und qualvollen Tod. Deswegen setzt man in manchen Gegenden man Verbrecher nachts vor die Mauer.
Die Finsternis
Sie waren von Weg abgekommen und verschollen. Erst nach drei Tagen gelang es einer Gruppe von Freiwilligen, unter der Führung des ehrenwerten Beamten Linnher Reubenschild, Spuren am Rande des Süllmoores auszumachen. Von den vier vermissten Karren fand man einen rasch mit gebrochener Achse. Die anderen drei steckten halb versunken im Moor. Großteilig zersplittert und blutbespritzt ragten sie wie tote Gerippe aus dem Nebel. Unzählige Kadaver fand man, ebenso zerfetzt wie die Karren. Reubenschild wollte fast aufgeben und umkehren, als einer der suchenden Schäfer ein leises Wimmern tief im Nebel vernahm. Heldengleich und mit einem Seil gesichert stampfte er den Geräuschen folgend immer tiefer in die Finsternis. Seine gellenden Schreie erfüllten das Moor, als man ihn verzweifelt am Seil zurückzog. Er war kaum noch bei klarem Verstand und umklammerte den blau gefrorenen Körper einer jungen Frau. Scheinbar hatte er die letzte Überlebende des Wagenzuges gefunden. Sie wurde nach Arkanar gebracht und versorgt, genau wie der Schäfer. Reubenschild sprach von einem Wunder und vom Willen Sors, dass die junge Frau unverletzt war und schwanger noch dazu. Zu ihrem Glück konnte sie sich nicht mehr an die Geschehnisse erinnern. Der Schäfer wurde als Held gefeiert und von allen bejubelt. Der Jubel nahm ab, als der Bauch der Schwangeren in den nächsten Wochen unnatürlich schnell fülliger wurde. Vom Jubel keine Spur mehr, als die Mutter unter extremen Schmerzen eine deformierte Missgeburt gebar.
Amtsbericht: Der Vorfall am Süllmoor
„Sie umgibt dich, hüllt dich ein und überzieht alles an dir mit einem eiskalten Schauer, sie kriecht dir unter die Haut und lässt dich wahnsinnig werden.“ (Pekka, Schafhirte aus Estorien)
Die Finsternis ist mehr als nur Dunkelheit, mehr als das Fehlen von Licht. Sie ist das Böse. Das Böse in seiner reinsten, elementarsten Form. Durch den zusammengeballten Staub, den Dhârgass nutzt um Gehns Leib alles Leben darauf zu vergiften, zu verformen, zu quälen. Der Staub frisst das Licht und verändert das Leben. Jedes Leben, das die Finsternis länger berührt, wird von ihr gezeichnet und verändert. Nicht immer besteht diese Veränderung in nach Außen sichtbaren Deformationen und Verwachsungen, nicht weniger teuflisch sind Veränderungen der Seele, des Charakters. Die Finsternis weckt die dunklen Seiten eines jeden.
Die Finsterlande. Einige Landstriche auf Ghen sind auch tagsüber von der Finsternis verschluckt. Hier dringt zu keiner Tageszeit auch nur ein Strahl von Sors Licht durch. Jedes Leben tut sich gut daran, diese Landstriche zu meiden. Denn Menschen die hinein geraten kehren nicht zurück, und wenn doch nicht als sie selbst. Diese Finsterlande sind für immer verloren. Dort geht Dhargass nicht nachts auf, er geht auch tagsüber nie unter.
Wie sie sich verhält
Sie sieht aus wie Nebel und benimmt sich nicht so:
- Sie sinkt nie ganz zu Boden, als wäre sie leichter als Luft — und bewegt sich manchmal trotzdem gegen den Wind.
- Sie verbrennt Haut und Blattwerk und fühlt sich dabei eiskalt an. Beide Beobachtungen stimmen.
- Sie verschluckt Licht. Die Fackel brennt weiter, man sieht die Flamme — aber ihr Schein kommt nicht durch.
- Sie dämpft jeden Laut. Schritte werden zu Flüstern, Rufe verhallen nach wenigen Schritten.
- Wer lange in ihr steht, verliert die Richtung so vollständig, dass er im Kreis geht, ohne es zu merken.
Was sie mit Lebendem macht
Was die Finsternis länger berührt, wird gezeichnet. Verwachsungen und Missbildungen kommen vor — aber die stilleren Veränderungen sind die schlimmeren.
Die Finsternis weckt die dunklen Seiten eines jeden. Sie erschafft nichts Neues; sie holt hervor, was da war, und macht es zur beherrschenden Kraft. Wer Stunden in ihr verbracht hat, kommt vielleicht unversehrt heraus — und ist trotzdem nicht mehr derselbe. Das merken zuerst die, die ihn kennen. Er spricht anders. Er entscheidet anders.
Manchmal legt sich das nach genug Zeit im Licht. Manchmal nicht.
Die verlorenen Landstriche
Auf alten Karten tragen sie noch Namen. Auf neuen sind sie leere Flächen, wenn sie überhaupt eingezeichnet sind.
Gebiete unter dauerhafter Finsternis gelten als verloren, und das ist keine Übertreibung: Es gibt dort nichts zu holen, was den Weg wert wäre, und niemanden zu retten, der noch zu retten wäre. Was dort wächst, ist schwarz, fleischig und hungrig. Was dort lebt, erinnert sich an kein natürliches Verhalten mehr.
Die Kirche des Sor erklärt diese Landstriche zur Gottesstrafe. Sie schickt keine Soldaten hinein und baut keine Mauern darum. Sie warnt nur — mit der ruhigen Gewissheit von Leuten, die wissen, dass niemand zurückkommt, um ihnen zu widersprechen.
Die Ränder
Wichtiger für den Alltag als die Kerngebiete sind ihre Ränder. Finsternis ist nicht scharf begrenzt; sie franst aus, atmet, verschiebt sich über Jahre.
Dörfer am Rand kennen ihre eigenen Regeln: Steinmale, die den letzten sicheren Punkt markieren. Kinder, die man nie in eine bestimmte Richtung schickt. Weiden, die man vor zwanzig Jahren noch nutzen konnte. Wer an einem solchen Rand lebt, weiß bis auf den Schritt genau, wo er umkehrt.
Und jedes Jahr steht das Steinmal ein Stück weiter im Dorf.
Was man sich erzählt
Keine dieser Erklärungen ist bewiesen. Alle haben Anhänger.
- Die Lehre der Kirche: Der Staub ist die Strafe für den Frevel der Elfen, die sich gegen Sor erhoben. Die Finsternis ist Dhargass' Maul, das sich öffnet. Wer rein lebt, wird das Licht wiedersehen.
- Was die Alten murmeln: Es gab eine Zeit vorher. Manche behaupten, ihre Großeltern hätten die Sonne noch gesehen. Solche Sätze spricht man nicht laut aus.
- Was Fuhrleute sagen: Der Staub liegt nicht überall gleich. Es gibt Gegenden, in denen die Luft klarer ist und die Ernte besser — und keiner weiß, warum. Man nennt es Glück und zieht dorthin, wenn man kann.
- Was Bergleute sagen: Tief unter Tage ist kein Staub. Wer lange genug unten bleibt, hustet weniger. Manche gehen deshalb nicht mehr hoch.
Siehe auch: Widrigkeiten & Widersacher · Zeitachse
